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Details

ISBN/EAN: 978-3-593-50801-6
Einband: Paperback
Weitere Details
Auflage:
1. Auflage 2017
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
279 S.
Format (T/L/B):
1.7 x 21.4 x 14.2 cm

Hersteller:
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
info@campus.de
Werderstr. 10
DE 69469 Weinheim


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Governance of Diversity

Zum Umgang mit kultureller und religiöser Pluralität in säkularen Gesellschaften, Religion und Moderne 10

46,00 €

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Über Gunnar Folke Schuppert

Gunnar Folke Schuppert war Professor für neue Formen von Governance am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und ist aktuell Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.

Leseprobe

Einleitung Wie es beim Schachspiel klassische Eröffnungszüge gibt, finden sich auch in den Einleitungen zu Büchern, die einem bestimmten Thema gewidmet sind, nahezu standardisierte Eröffnungssätze, mit denen das präsentierte Buch sich in den unvermeidlichen Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit behaupten will. Fast unverzichtbar ist in einem solchen Einleitungsrepertoire der Hinweis auf die brennende Aktualität des Themas; dazu braucht hier nichts gesagt zu werden: die Fernsehbilder von dem nicht abreißenden Flüchtlingsstrom auf der sogenannten Balkanroute dürften jedem Leser noch gegenwärtig sein. Der Hinweis auf die unübersehbare Aktualität des Themas wird häufig durch Erläuterungen dazu ergänzt, dass das zugrunde liegende Problem eine große Herausforderung darstelle, eine Herausforderung, der man sich zu stellen habe und für die Antworten gefunden werden müssten. Auch dafür ließen sich zahllose Beispiele finden; wir beschränken uns auf ein einziges Zitat, das in dem Einleitungsabsatz zu dem 2007 erschienenen Buch "Democracy and the New Religious Pluralism" entnommen ist und wie folgt lautet: "A new religious pluralism is taking up Atlantic democracies". Aber in der gegenwärtigen Situation geht es nicht nur um Aktualität und eine positiv aufzunehmende Herausforderung, sondern auch um Befürchtungen und Ängste, die - so diffus sie auch vielfach sein mögen - von der Politik - so der übliche "Politsprech" - "ernst genommen" werden müssten. Es ist nicht das Ziel dieses Buches, sich an der gegenwärtigen "Flüchtlingsdebatte" zu beteiligen; worum es uns geht, ist, sich Gedanken darüber zu machen, wie in säkularen Gesellschaften mit dem Problem einer durch den Flüchtlingsstrom unübersehbar gewordenen zunehmenden kulturellen und insbesondere religiösen Pluralisierung umgegangen werden kann und umgegangen werden sollte. Wir verstehen das Phänomen einer an Intensität zunehmenden kulturellen und religiösen Pluralisierung, wofür wir zur Kennzeichnung dieses Befundes den Begriff der normativen Pluralität vorschlagen - nicht nur als Herausforderung der politischen Theorie, sondern als Aufforderung, mit einem multidisziplinären Ansatz so etwas wie Konturen einer "Theorie des Umgangs mit Pluralität" bzw. - anders formuliert - von "Governance of Diversity" zu zeichnen. Dabei gehen wir in sechs Schritten vor: Im ersten Schritt geht es um Pluralität als Kennzeichen moderner Gesellschaften und die Frage, welche Ursachen für diesen eigentlich unstreitigen Befund einer zunehmenden Pluralisierung identifiziert werden können; dabei wird ein kurzer Blick auf die "üblichen Verdächtigen" geworfen, also auf Modernisierung, Säkularisierung, soziale Differenzierung, Globalisierung und - immer wichtiger werdend - Migration. In brennglasartiger Verdeutlichung lassen sich die an Intensität zunehmenden Pluralisierungsprozesse in modernen Stadtgesellschaften beobachten, für die sich der Umgang mit Diversität als ihr zentrales Governanceproblem beschreiben lässt. Aber es geht nicht nur um "Pluralismusimporte" durch Zuwanderung, sondern auch um die häufig vernachlässigte Pluralität der sogenannten Aufnahmegesellschaften, die - wie man ebenfalls besonders gut am Beispiel von Großstädten studieren kann - sich in zahlreichen Milieus ausdifferenzieren; darauf einen Blick zu werfen, erweist sich deshalb als geboten, weil gerade die Einstellung zur zuwanderungsbedingten Pluralität ganz entscheidend von der jeweiligen Milieuzugehörigkeit geprägt wird. Wenn kulturelle, religiöse und ethnische Pluralität für moderne Gesellschaften kennzeichnend ist, dann steht zu vermuten, dass sie für den Umgang mit solcher Pluralität Strategien entwickelt und ausprobiert haben. Diese Vermutung hat uns auf die Idee gebracht, in einem zweiten Schritt einen etwas näheren Blick auf insgesamt sieben ausgewählte Pluralitätsfelder zu werfen, und zwar in der Hoffnung, zum Schluss dieser Inspektionsreise so etwas wie eine Typologie von Strategien des Umgangs mit Pluralität erstellen zu können. Bei diesen Pluralitätsfeldern geht es um den Umgang mit der Pluralität von Gemeinwohlbelangen den Umgang mit konfligierenden Grundrechten und Rechtsgütern mit Verfassungsrang den Umgang mit religiösem Binnenpluralismus den Umgang mit einer Pluralität von Konfessionen den Umgang mit "legal pluralism" den Umgang mit ethnischer Pluralität sowie den Umgang von Imperien mit religiöser Pluralität. Dieses reiche Anschauungsmaterial lässt in der Tat einen ersten Systematisierungsversuch zu. Bei dem Versuch, daraus eine Typologie zu erstellen, haben wir eine wichtige Beobachtung machen können; bei den von uns so genannten Umgangsstrategien überwiegen eindeutig prozedurale und institutionelle Umgangsformen, die zudem durch einen hohen Kommunikations- und Verrechtlichungsbedarf gekennzeichnet sind. Dies führt zudem - im Fortgang dieses Buches sich erhärtenden - "Anfangsverdacht", dass für das uns besonders interessierende Problem der religiösen Pluralität auch vornehmlich nach einer prozeduralen und institutionellen Lösung gesucht werden muss. In einem dritten Schritt geht es darum, herauszufinden, was eigentlich genau unter religiöser Pluralität zu verstehen ist. Dieses Vorhaben hat uns dazu veranlasst, erneut ein Weitwinkelobjektiv zu benutzen und das weite religiös-weltanschauliche Feld etwas genauer zu vermessen. Dafür erwies es sich als hilfreich, dieses Feld aus verschiedenen Perspektiven in Augenschein zu nehmen, nämlich aus verfassungsrechtlicher Perspektive - Religions- und Weltanschauungsfreiheit als einheitliches Grundrecht -, aus kulturwissenschaftlicher Perspektive - Religion als Weltdeutung - und vor allem aber aus religionssoziologischer Perspektive. Diese religionssoziologische Perspektive lässt zwei Phänomene in den Blick geraten, nämlich einmal die erhebliche Dynamik des religions-weltanschaulichen Feldes, insbesondere die Herausbildung neuer Formen von Religiosität, zum anderen die plurale Welt des Nicht-Religiösen. Dieses nur auf den ersten Blick nicht-religiöse Terrain erweist sich aber - weil der Bezugspunkt immer die abgelehnte oder relativierte Religiosität bleibt - als ein "religionsbezogenes Feld", das aus der Vermessung des religiös-weltanschaulichen Feldes nicht exkludiert werden darf. Zum Schluss dieses dritten Kapitels präsentieren wir daher den Versuch einer Skizze des religiös-weltanschaulichen Feldes, mit der insbesondere die Dynamik und Binnenpluralität dieses Feldes eingefangen werden soll. In einem vierten Schritt widmen wir uns der Frage, warum sich über-haupt der Umgang mit Religion und Religionsgemeinschaften als ein zentrales Governanceproblem moderner Staatlichkeit darstellt. Man könnte auf den ersten Blick ja meinen, dass sich durch die immer wieder behauptete zunehmende Säkularisierung der Welt und die damit einhergehende zunehmende Individualisierung und Privatisierung des Religiösen das Religionsthema sich sozusagen in Luft aufgelöst habe. Das Gegenteil ist der Fall. Dieser inzwischen wohl unstreitige Befund zwingt zum Nachdenken, was es denn nun eigentlich mit Religion und Religionsausübung auf sich hat, dass der Umgang mit Religion zunehmend als ein wichtiges Governanceproblem wahrgenommen wird. Im Verlaufe dieses Nachdenkens haben wir einige Einsichten gewonnen, die sich zu einem stimmigen Bild zusammenfügen lassen. Erstens die Einsicht, dass die Entgegensetzung von Religion als "public religion" und Religion als Privatsache irreführend ist. Zweitens die Einsicht, dass Religion und Religionsausübung niemals etwas rein Privates sind, denn Religion ist ein kollektives Phänomen und Religionsgemeinschaften verfügen über eine beachtliche Kapazität kollektiven Handelns. Drittens die Einsicht, dass Religion wesenhaft eine genuine Öffentlichkeitsdimension aufweist, da Glaube auch öffentlich bekannt werden will und die uns vor Augen stehenden monotheistischen Religionen für sich eine Verantwortlichkeit für die Zustände in dieser Welt reklamieren. Ferner d...